Blog / Eine Reise durch Georgien auf den Spuren der UdSSR Georgien, Kultur & Geschichte, Blog | 05.06.2018

Eine Reise durch Georgien auf den Spuren der UdSSR

Am 26. Mai 2018 hat Georgien stolz den 100. Jahrestag seiner nationalen Unabhängigkeit vom Russischen Reich gefeiert. Ein Wichtiger Tag für ein Volk, das aufgrund seiner bewegten und von Konflikten geprägten Geschichte die Freiheit liebt wie kaum ein anderes.

Diese 100 Jahre «de jure Unabhängigkeit» muss man allerdings etwas relativieren: Denn es dauerte gerade mal 4 Jahre, bis Georgien 1922 wieder von Sowjetrussland besetzt und später sogar in sein gigantisches Reich eingebunden wurde. Es folgten schwierige Jahre für die Georgier. Große Künstler, hohe Kleriker, Politiker und andere einflussreiche Leute wurden verfolgt und teilweise hingerichtet. Kirchen und Klöster wurden zu Lagerhallen und Manufakturen umfunktioniert. Kleine Landwirtschaftsbetriebe wurden zusammengelegt und auf Massenproduktion ausgerichtet. Große Stahlfabriken wurden errichtet. Es gab nur noch ein Ziel zu dieser Zeit: Dem roten Riesen zu noch mehr Reichtum und Macht verhelfen.

An dieser Stelle soll gesagt werden, dass in den Jahren zwischen 1922 und 1991 längst nicht alles schlecht war: Durch die vielen geschaffenen Arbeitsplätze hatten viele arme Leute die Chance auf ein vernünftiges Einkommen und das Recht auf eine Wohnung. So erstaunt es nicht, wenn man heute immer wieder ältere Leute hört, die das Ende der Sowjetzeit bedauern.

Dieses fand vor 18 Jahren unter dem ersten Präsidenten Swiad Gamsachurdia statt, als die Unabhängigkeitsbewegung in Georgien schließlich so groß war, dass die Sowjetunion einlenken musste. Es sollten noch einige politisch sprunghafte und von Konflikten geprägte Jahre folgen, bis die «Schweiz des Kaukasus» zu dem Gesicht kam, das sie heute zeigt: Religion kann wieder frei ausgelebt werden, die georgische Wirtschaft boomt, Touristen reisen aus der ganzen Welt an und von Korruption ist weit und breit keine Spur. Das einzige, was aus der Zeit von Lenin, Stalin und Co. geblieben ist, sind unzählige Zeitzeugen aus Stahl und Beton.

Wir haben uns auf Spurensuche gemacht und stellen in diesem Beitrag Sehenswürdigkeiten und Ortschaften vor, die an diese schwierige, aber nicht minder faszinierende Zeit, erinnern. Und wir versprechen: Diesem Charme kannst auch du dich nicht entziehen.

Tiflis, Hauptstadt der GSSR

Eine Reise nach Georgien startet mit größter Wahrscheinlichkeit in der Hauptstadt Tiflis (georgisch: Tbilisi). Auch wenn sich diese Stadt in den letzten 25 Jahren mit Sicherheit am stärksten entwickelt hat, sind auch hier längst nicht alle Spuren aus der Sowjetzeit verwischt. Wer sich ein Bild von den Jahren zwischen 1921 und 1991 machen möchte – dann nämlich war Tiflis die Hauptstadt der GSSR (Georgisch Sozialisstische Sowjetrepublik) – sollte sich die folgenden Sehenswürdigkeiten unbedingt in seinen Reiseplan eintragen.

Georgisches Nationales Museum

Um die Hintergründe zur rauhen aber unglaublich interessanten Okkupationszeit besser zu verstehen, lohnt sich zu Beginn der Reise ein Besuch des Georgischen Nationalen Museums in Tiflis. Dort widmet sich eine eindrückliche Ausstellung der Okkupationszeit. Briefe, Fotografien, Videos und andere Zeitdokumente rollen vor allem die dunklen Kapitel aus dieser Zeit auf.

Website: Museum.ge
Adresse: S. Janashia Museum of Georgia, 3/10 Shota Rustaveli Avenue, 0105 Tiflis. Die Ausstellung befindet sich in der «Soviet Occupation Hall» im 4. Obergeschoß.

Bank of Georgia – Sowjetarchitektur vom Feinsten

Eine der bekanntesten und charakteristischsten Bauwerke aus der Sowjetzeit ist das heutige Hauptquartier der Bank of Georgia. Es wurde 1975 von den Architekten Giorgi Chakhava und Zurab Jalaghania als Verwaltungsgebäude des sowjetischen Ministeriums für Straßenbau errichtet. Die aufeinander gestapelten Gebäuderiegel sind einem Wald nachempfunden. Mit ein wenig Phantasie erkennt man in den beiden Gebäudekernen die Baumstämme und in den Riegeln die Baumkrone. Auf jeden Fall ist dieses architektonische Meisterwerk einen Abstecher in den Norden der Stadt wert.

Website: Bankofgeorgia.ge
Adresse: 29a Iuri Gagarini Street, Tiflis

Bank of Georgia

Fabrika – eine Fabrik neu interpretiert

Während man das Bank of Georgia Hauptgebäude vor allem von außen betrachten kann, lädt dieser Ort zum Verweilen ein. In einem ehemaligen sowjetischen Nähwerk findet man heute Ateliers von Künstlern, Shops und Cafés. Den ganzen Tag bis spät in die Nacht tummeln sich hier interessante Leute aus der ganzen Welt. Für uns ein Highlight, das den Geist von Tiflis sehr schön aufzeigt: Die Vergangenheit kennen und wertschätzen aber offen für die Zukunft sein.

Website: Fabrikatbilisi.com
Adresse: 8 Egnate Ninoshvili Street, 0102 Tiflis

Fabrika Tiflis

Sowjetische Wohnhäuser

In den 1960er Jahren dominierte auch in Tiflis der Bau von Massenwohnungen. Dies führte zu vielen – für die Sowjetunion charakteristischen – Plattenhochhäusern. Einen der bekanntesten Komplexe findet man im Stadtteil Saburtalo. Diese Mischung aus Tristesse und Wucht ist beängstigend und faszinierend zugleich. Der Ideale Ort, um sich in die Lage einer «einfachen» Georgierin bzw. eines «einfachen» Georgiers während dieser Zeit hineinzufühlen. Wer nach diesen Zeitzeugen aus der Sowjetunion noch immer nicht satt ist und die Reise auf den Spuren des roten Riesen fortsetzen möchte, sollte sich die folgenden Städte und Denkmäler keinesfalls entgehen lassen.

Sowjetische Architektur in Tiflis

Gori und Josef  Dschugaschwilli

Unter diesem Namen wurde Josef Stalin am 18. Dezember 1878 in Gori, das nur rund 50 Kilometer von der Hauptstadt Tiflis entfernt liegt, geboren. Seine ganze Jugend verbrachte er in der mittelalterlichen Stadt, bis er im alter von 16 Jahren ans Priesterseminar in Tiflis, die bedeutendste Bildungsanstalt in Georgien, wechselte. Auch wenn oder gerade weil der spätere Diktator für sehr dunkle Kapitel in der Geschichte der Menschheit gesorgt hat, umgibt diesen Ort eine ganz spezielle Aura.

Als Tourist sollte man sich das Josef-Stalin-Museum nicht entgehen lassen. Mit persönlichen Gegenständen, Fotografien und weiteren Zeitdokumenten wird das Leben des Tyrannen dokumentiert. Ebenfalls sehr eindrücklich sind die kleine Lehmhütte, in der er geboren wurde sowie der gepanzerte Eisenbahnwaggon, mit dem Stalin während des 2. Weltkriegs zur Konferenz von Jalta fuhr.

Stalin Museum Gori

In diesem Museum merkt man sehr schnell, dass man in Gori auch stolz darauf ist, eine so prägende Persönlichkeit hervorgebracht zu haben. Von den Verfolgungen und Hinrichtungen, die auf sein Konto gingen, zeugen ein bis zwei Randnotizen. Ein weiteres spannendes Detail: Das einzige Foto von Stalin, das von US-Amerikanern gemacht und somit nicht nachbearbeitet wurde, zeigt seine schlechte Haut im Gesicht. Das Bild hängt in einer unscheinbaren Ecke direkt vor dem Eingang zum kleinen Raum, der an seine letzte Ruhestätte erinnert.

Mehr Infos auf unserer Seite über das Josef-Stalin-Museum
Adresse: Stalin Museum, Avenue Stalin 32, 1400 Gori

Denkmal georgisch-russische Freundschaft

Auch wenn die künstlerische Freiheit in der Sowjetzeit stark durch den Staat kontrolliert und eingeschränkt wurde, gibt es sehr wohl Werke, die zu besichtigen es sich lohnt. So zum Beispiel das Denkmal an der Georgischen Heerstraße. Es wurde 1983 erbaut und der Freundschaft zwischen Georgien und Russland gewidmet. Auf einer großen, kreisförmigen Mauer bildet ein riesiges Mosaik, das vom Maler Nodar Malasonia gestaltet wurde, russische und georgische Legenden ab. Im Zentrum hält Mütterchen Russland ihr schützenden Arme um Georgien, in Form eines unschuldigen Knabens. Das farbige Kunstwerk mitten in der bedrohlich wirkenden Berglandschaft, verleiht diesem Ort etwas Magisches. Das Kunstwerk ist auch bekannt unter dem Namen «Treaty of Georgievsk Monument».

Anfahrt: Von Tiflis in Richtung Stepantsminda (Kazbegi). Etwa 4 km nach der Ortschaft Gudauri befindet sich das Monument auf der linken Seite der Straße.

Tschiatura, die Seilbahnstadt

Der Wegweiser von Sestaponi nach Tschiatura ist unscheinbar und lässt die Erwartungen nicht gerade in die Höhe schnellen. Nach rund 40 Kilometern durch die wunderschöne Region Imeretiens fährt man hinab in eine zerklüftete Berglandschaft und plötzlich sind sie überall zu sehen: Wie langgezogene Wäscheleinen überspannen die unzähligen Seilbahnkabel die Stadt Tschiatura. Sie galt in der Sowjetzeit als mustergültiges Beispiel einer florierenden Industriestadt. Die rund 1 Mio Tonnen Mangan, die in den zahlreichen Minen jährlich gefördert wurden, kamen vor allem in der Schwerindustrie als Legierungsbestandteil von Stahl zum Einsatz – eine dieser riesigen Stahlfabriken steht mit seinen hohen Schornsteinen noch heute im 40 Kilometer entfernten Sestaponi.

Seilbahn in Tschiatura

Von den einst 60 Seilbahnen, die in Tschiatura im Einsatz waren und sowohl Menschen als auch Mangan beförderten, sind auch heute noch 22 in Betrieb. Wer sich getraut, in eine dieser zum Teil doch ziemlichen rostigen Kabinen zu steigen, sollte dies unbedingt tun – als kleine Beruhigung: Einen Seilbahnunfall hat es in Tschiatura noch nie gegeben. In der Höhe angekommen wird man mit einem atemberaubenden Ausblick über die Stadt mit ihren zahlreichen Bauten und Denkmälern aus der Sowjetzeit belohnt. Vergisst man jetzt für einen kurzen Augenblick das Handy in der Hosentasche und denkt man sich die modernen Autos unten in den Straßen weg, so fühlt man sich zurückversetzt in die Zeit der Sowjetunion.

Anreise: Mit dem Auto erreicht man Tschiatura von Tiflis aus in ca. 2.5 Stunden Fahrtzeit. In Gomi die Hauptstraße verlassen und rechts nach Tschiatura abbiegen.

Tsqaltubo und seine Heilbäder

Nicht weit von Kutaissi, der drittgrößten Stadt Georgiens entfernt, liegt Tskaltubo. Berühmt wurde dieser Ort, als er 1934 ans Bahnnetz angeschlossen wurde und in den Folgejahren Sanatorien und Hotels wie Pilze aus dem Boden schossen. Denn das Wasser, das aus den leicht radioaktiven Thermalquellen sprudelt, ist bekannt für seine heilende Wirkung. Die einst kleine Stadt fing an zu blühen und lockte viele Kurgäste aus der Sowjetunion an. Zu ihnen gehörte auch Josef Stalin, der auf das Wasser in Tskaltubo schwor und seine Ferien regelmäßig in einem der pompösen Sanatorien verbrachte. Mit dem Ende der Sowjetunion kam der Bruch: Ein Großteil der kurenden Gäste blieb aus und so mussten viele Hotels und Heilbäder das Wasser ablassen und ihre Türen schließen.

Tsqaltubo Resort

Längst haben Pflanzen und Tiere einen Großteil der monumentalen Prachtbauten wie das ehemalige Hotel Schachtjor, das Hotel Sakartvelo oder das ehemalige Kaufhaus «Sataplia» für sich beansprucht. Doch geblieben ist das Flair der Sowjetunion, welches an diesen Orten ganz besonders zu spüren ist.

Es gibt natürlich noch viele weitere Orte und Sehenswürdigkeiten, an denen der ganz eigene Charme der Sowjetzeit noch heute versprüht wird. Diese alle aufzulisten, wäre unmöglich. Wer aber Lust bekommen hat, sich ebenfalls auf die Spuren der Sowjetunion zu begeben, sollte sich unsere dazu passende Tour auf keinen Fall entgehen lassen. Weitere Informationen dazu findest du hier.

Anreise: Mit dem Auto erreicht man Tsqaltubo von Kutaisi aus in 20 Minuten. Die Ortschaft liegt 15 km nordwestlich von Kutaisi.

Sowjet-Tour in Georgien

Bist du interessiert an der sowjetischen Geschichte Georgiens? Auf unserer exklusiven, 12-tägigen Tour durch Georgien erlebst du die sowjetische Vergangenheit des Landes hautnah. Wir besuchen Tiflis, Gori, Tschiatura, Tsqaltubo und viele weitere Highlights. Mehr erfahren über die Tour «Auf den Spuren der UdSSR».

Interessiert an weiteren Reiseberichten?
«Ob sich Skifahren in Georgien lohnt» (Reisebericht von Stephan Frey, Schweiz)
«Unterwegs mit MyCaucasus in Georgien» (Reisebericht von Joe Worthington, Food and Travel Magazine)

Lies auch unseren Artikel «10 spannende Fakten zu Georgien».

 
Autor: MyCaucasus
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